Schulische Sozialisationsforschung

Forschung

Forschungsschwerpunkte

Die Schule ist ein zentraler Sozialisationskontext für Jugendliche. Diese erwerben hier nicht nur akademische Kompetenzen, sondern auch soziale Einstellungen und Verhaltensweisen. In einem Einwanderungsland wie Deutschland gehören Schulen zu den ersten Kontexten, in denen Jugendliche mit Peers unterschiedlicher kultureller und sozialer Hintergründe in Kontakt treten. Die Schule ist somit auch ein bedeutsamer Kontext für den Erwerb von Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber anderen kulturellen und sozialen Gruppen.

Die Forschung des Arbeitsbereichs konzentriert sich vor allem auf Sozialisation im Schulkontext, umfasst aber auch Sozialisation in weiteren wichtigen Kontexten wie den Peers und der Familie. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Umgang mit kultureller Vielfalt und sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft.

Forschungsthemen sind beispielsweise interkulturelle Kompetenz und ein kritisches Bewusstsein für soziale Ungleichheiten bei Jugendlichen und (angehenden Lehrkräften), das schulische Diversitätsklima, interkulturelle Sozialisation in Freundschaften und Diskriminierung im Schulkontext.

Zentral für die Forschung des Arbeitsbereichs ist eine ressourcenorientierte Perspektive auf kulturell vielfältige Schulen sowie ein interdisziplinärer Ansatz, welcher Theorien und Befunde aus der Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie, interkulturellen Psychologie und der Bildungswissenschaft verknüpft.

Forschungsprojekte

Beteiligte: Miriam Schwarzenthal (Bergische Universität Wuppertal), Katharina Eckstein (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Kooperationspartner: Balu und Du e.V.

Im Kontext zunehmender Diversität ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft, allen Kindern und Jugendlichen eine chancengleiche Bildung zu ermöglichen. Trotz dieser Zielsetzung liegen in Deutschland v.a. im Bildungsbereich zahlreiche Disparitäten entlang von Differenzlinien wie dem sozioökonomischen Status und der familiären Zuwanderungsgeschichte vor. Das Mentoring-Programm Balu und Du e.V. leistet einen Beitrag zur Förderung von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit, indem Grundschulkinder (Moglis) ein Jahr lang von Mentor*innen (Balus) auf ihrem Weg begleitet werden. Unser Forschungsvorhaben hat zum Ziel, herauszufinden, ob ein Engagement als Mentor*in kurz- und langfristig zivilgesellschaftliche Einstellungen und Verhaltensweisen bei den Balus fördern kann, welche einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten können. Zu diesem Zweck führen wir eine längsschnittliche Befragung mit vier Messzeitpunkten sowie qualitative Interviews durch.

Dissertationsprojekt Yağmur Güleç

Schüle*innen mit niedrigem sozioökonomischen Status und einer familiären Migrationsgeschichte stehen vor systemischen Herausforderungen (z. B. finanzielle Schwierigkeiten, Diskriminierung, fehlende zusätzliche Unterstützung), um im Leben erfolgreich zu sein (OECD, 2023). Diese Faktoren können sich auf die Motivation und die schulischen Leistungen dieser Schüler*innen auswirken. Um diese Bildungsungleichheiten zu verringern, sollten Lehrkräfte selbst kritisch und reflektiert sein (Gay & Kirkland, 2010). Das Konzept des kritischen Bewusstseins (CC) ermöglicht es uns, die Attributionen, die politische Selbstwirksamkeit und die Handlungen von Lehrkräften in Bezug auf Bildungsungerechtigkeiten zu untersuchen. Dieses Promotionsprojekt zielt darauf ab, das Niveau des kritischen Bewusstseins von angehenden Lehrkräften, die Prädiktoren des kritischen Bewusstseins, die Rolle von Intersektionalität und Schüler*innencharakteristika (benachteiligt vs. privilegiert) sowie die Rolle von Ingroup Bias zu untersuchen und schließlich die Effekte eines Primings auf das kritische Bewusstsein zu überprüfen.

Critical Consciousness (Kritisches Bewusstsein) ist eine Entwicklungsressource für Jugendliche, die in Gesellschaften aufwachsen, die von sozialer Ungleichheit, Rassismus und Diskriminierung geprägt sind. Eine Teilkomponente des kritischen Bewusstseins ist die kritische Reflexion, d.h. die Analyse von Strukturen, die Gruppen von Menschen ausgrenzen (Heberle et al., 2020). In den letzten Jahren wurden mehrere Skalen zur Erfassung der kritischen Reflexion bei Jugendlichen entwickelt (Diemer et al., 2017, 2022). Diese haben jedoch den Nachteil, dass sie hauptsächlich auf Selbsteinschätzungen beruhen. Qualitative Methoden können komplexe Prozesse der kritischen Reflexion besser erfassen, werden aber in der Regel nur bei kleinen Stichproben eingesetzt. Vor diesem Hintergrund zielt diese Studie darauf ab, ein Instrument zur Erfassung der kritischen Reflexion bei Jugendlichen zu erstellen, welches auf Fallstudien basiert. Basierend auf Interviews mit Jugendlichen haben wir Fallstudien erstellt, die Situationen in der Schule oder unter Gleichaltrigen darstellen, die von sozialer Ungerechtigkeit geprägt sind. Die Befragten werden gebeten, die Situationen schriftlich zu erklären. Nach einem Expertinnen-Review und kognitiven Prätests wird nun eine Querschnittsbefragung mit Jugendlichen durchgeführt um die neu entwickelten Fallstudien zu validieren und Zusammenhänge mit Prädiktor- und Outcomevariablen zu überprüfen.

Beteiligte: Miriam Schwarzenthal, Yağmur Güleç (Bergische Universität Wuppertal)

Gefördert durch FORIS (Forschungsimpulse und -support) der Bergischen Universität Wuppertal

Soziale Ungleichheit in Deutschland nimmt zu und ist auch im Bildungssystem stark ausgeprägt. Schulen als zentrale Sozialisationsinstanzen können unterschiedliche Botschaften über soziale Ungleichheit vermitteln: Das meritokratische Ideal führt Erfolg auf individuelle Anstrengung und Talent zurück, während die kritische Reflexion (nach Paulo Freire) die Rolle struktureller Barrieren wie Armut oder Diskriminierung betont. Das Projekt geht der Frage nach, wie diese Narrative an deutschen Schulen kommuniziert werden, wie sie mit dem schulischen Engagement von Jugendlichen zusammenhängen und über welche Zuschreibungsprozesse für Bildungserfolg oder -misserfolg (Attributionen) dieser Effekt vermittelt wird. Im Anschluss an qualitative Interviews mit Lehrkräften und Schüler*innen sowie einer Dokumentenanalyse von Schulprogrammen sollen quantitative Messinstrumente pilotiert und die Machbarkeit von Mikrointerventionen im Rahmen eines Tagebuchverfahrens (Experience Sampling) getestet werden.

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Beteiligte: Linda Juang (Universität Potsdam), Miriam Schwarzenthal (Bergische Universität Wuppertal), Tuğçe Aral (Universität Potsdam)

Gefördert durch das Leibniz-Institut für Psychologie (PsychLab)

Obwohl es für Jugendliche, die in kulturell vielfältigen Gesellschaften aufwachsen, viele Vorteile gibt, wie z. B. die Entwicklung interethnischer Freundschaften und interkultureller Kompetenz, gibt es auch potenzielle Herausforderungen. Jugendliche können von gruppenbezogener Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sein, diese erfahren und miterleben. In Deutschland wissen wir wenig darüber, wie Eltern Jugendliche dazu bringen, sich dieser positiven und negativen Erfahrungen zwischen den Gruppen bewusst zu werden, sie zu reflektieren und zu verarbeiten. Daher konzentriert sich unser Projekt auf die „ethnic-racial socialization“, die „Verhaltensweisen und Praktiken, die implizit oder explizit Informationen und Weltanschauungen über Kultur, Ethnizität und „race““ an Jugendliche vermitteln (Hughes et al., 2016, S. 4). Nach der Durchführung von qualitativen Interviews mit Eltern mit und ohne Migrationshintergrund werden wir die psychometrischen Eigenschaften der beiden neuen Messinstrumente der „ethnic-racial socialization“ für diese beiden Gruppen entwickeln und testen. Dies wären die ersten quantitativen Maße der elterlichen „ethnic-racial socialization“ in Deutschland, die als neues Instrument für dringend benötigte Studien zu diesem Thema nützlich wären.